Wissen · 詠春 · Arnis

Zwei Künste, eine Geschichte.

Wing Tsun aus Südchina, Eskrima von den Philippinen. Woher beide kommen, was Legende ist und was belegt – und wie sie in Europa zusammenfanden.

Südchina · 詠春

Geschichte des Wing Tsun

Wing Tsun – auch Wing Chun, Ving Tsun oder WingTzun geschrieben – ist eine südchinesische Kampfkunst für die kurze Distanz. Die Schreibweisen sind Umschriften derselben Zeichen 詠春, die sich etwa mit „Frühlingsgesang“ übersetzen lassen.

Legende und Geschichte. Die bekannte Gründungsgeschichte ist Überlieferung, nicht durch zeitgenössische Quellen belegt. Wir erzählen sie trotzdem – als Teil der Kultur, aber klar gekennzeichnet.
  1. Legende · 18. Jh. Ng Mui und Yim Wing-chun

    Eine Shaolin-Nonne soll aus dem Kampf eines Kranichs mit einer Schlange eine kompakte Methode entwickelt und sie der jungen Yim Wing-chun gelehrt haben – damit sie sich gegen einen stärkeren Mann behaupten konnte. Die Kunst trägt ihren Namen.

  2. Überlieferung · 19. Jh. Die Rote Dschunke

    Mehrere Linien führen die Kunst über Wong Wah-bo und Leung Yee-tai, Darsteller der kantonesischen Opern-Truppen auf den „Roten Booten“, weiter.

  3. 19. Jh. · Foshan Leung Jan und Chan Wah-shun

    Mit dem Kräuterarzt Leung Jan in Foshan wird die Kunst historisch greifbar. Sein Schüler Chan Wah-shun unterrichtet den jungen Ip Man.

  4. Ip Man öffnet die Tür

    Ip Man (1893–1972) geht nach Hongkong und unterrichtet dort erstmals öffentlich. Zu seinen Schülern zählt Bruce Lee, der die Kunst weltweit bekannt macht.

  5. ab 1960er Leung Ting und das WingTsun-System

    Leung Ting beginnt um 1960 bei Leung Sheung, dem ersten offiziellen Schüler Ip Mans in Hongkong, und lernt später bei Ip Man selbst. Er gründet die International WingTsun Association und strukturiert Lehrplan und Graduierung – unter der Schreibweise WingTsun.

Die Prinzipien

  • Zentrallinie: Angriff und Schutz entlang der kürzesten Linie zum Gegenüber.
  • Gleichzeitigkeit: Abwehr und Angriff in derselben Bewegung.
  • Ökonomie: kurze Wege, wenig Kraftaufwand, Nutzung der gegnerischen Energie.
Porträt von Ip Man, Großmeister des Wing Chun
Philippinen · Arnis · Kali

Geschichte des Eskrima

Eskrima, Arnis und Kali bezeichnen dieselbe Familie philippinischer Kampfkünste. Eskrima kommt vom spanischen esgrima (Fechten), Arnis von arnés (Harnisch); die Herkunft von Kali ist umstritten und wird teils vorkolonial gedeutet.

Kennzeichnend ist das Prinzip Waffe zuerst: Trainiert wird von Anfang an mit dem Rattanstock und dem Messer, die waffenlosen Techniken leiten sich aus diesen Bewegungen ab. Genau das macht Eskrima für die Selbstverteidigung wertvoll – wer Waffen führen kann, erkennt Gefahren durch Gegenstände früher und weiß, wie man ihnen begegnet.

Die genaue Entstehung ist kaum dokumentiert. Vieles ist mündlich überliefert; die folgenden Punkte trennen Belegtes von Deutungen.
  1. vorkolonial Indigene Kampfmethoden

    Auf den Inseln entstehen regional sehr unterschiedliche Kampfweisen mit Stock, Klinge und leeren Händen.

  2. Lapu-Lapu gegen Magellan

    Der Chronist Antonio Pigafetta beschreibt, wie Krieger unter Lapu-Lapu die Landungstruppe Magellans schlagen. Die Episode wird oft als frühes Zeugnis philippinischer Kampfkunst zitiert.

  3. Spanische Kolonialzeit · Deutung Unter dem Waffenverbot

    Verbreitet ist die These, die Kunst habe unter spanischem Waffenverbot überdauert – verborgen unter anderem in Tanz und Theateraufführungen. Belegt ist das nur eingeschränkt.

  4. Nationale Kampfkunst

    Mit dem Republic Act 9850 erklären die Philippinen Arnis zur nationalen Kampfkunst und zum Nationalsport.

Der Weg nach Europa

Wo sich beide Linien treffen

  1. 1975/76 · Kiel Wing Tsun kommt nach Deutschland

    Keith R. Kernspecht lädt Leung Ting nach Deutschland ein. 1976 entsteht die Europäische WingTsun-Organisation (EWTO) als Vertretung des Leung-Ting-Systems.

  2. Escrima-Seminar mit René Latosa

    René Latosa und Bill Newman halten auf Kernspechts Einladung ein Escrima-Seminar. Das Latosa-System wird Teil des Unterrichts in der EWTO.

  3. ab den 1980ern · Kassel Beides in einer Hand

    Frank Kohlhase lernt Wing Tsun im Leung-Ting-System und Escrima im Latosa-System unter Emin Boztepe – und verbindet beide bis heute in seinem Unterricht. Zum Werdegang →

Häufige Fragen

Geschichte – kurz beantwortet.

Woher kommt Wing Tsun?

Aus Südchina. Die Gründungsgeschichte um die Nonne Ng Mui und Yim Wing-chun ist Legende und nicht durch zeitgenössische Quellen belegt. Historisch greifbar wird die Kunst im 19. Jahrhundert in Foshan, über Leung Jan und Chan Wah-shun bis zu Ip Man, der sie ab 1949 in Hongkong öffentlich unterrichtete.

Sind Wing Tsun, Wing Chun und WingTzun dasselbe?

Ja, es sind Umschriften derselben Zeichen 詠春 (etwa: Frühlingsgesang). Leung Ting wählte die Schreibweise WingTsun, um seine Linie abzugrenzen; andere Verbände und Schulen nutzen eigene Varianten.

Was ist der Unterschied zwischen Eskrima, Arnis und Kali?

Es sind regionale Namen für dieselbe philippinische Kampfkunstfamilie. Eskrima leitet sich vom spanischen esgrima (Fechten) ab, Arnis von arnés (Harnisch); die Herkunft von Kali ist umstritten. Das philippinische Gesetz Republic Act 9850 verwendet Arnis als offiziellen Namen.

Wie kamen Wing Tsun und Eskrima nach Deutschland?

Keith R. Kernspecht lud 1975/76 Leung Ting nach Deutschland ein; 1976 entstand in Kiel die EWTO. Im November 1977 hielten René Latosa und Bill Newman auf seine Einladung ein Escrima-Seminar in Kiel. So wurden beide Künste in derselben Organisation unterrichtet.

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Geschichte ist gut. Können ist besser.

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